Perfekte Innenarchitektur

Die perfekte Innenarchitektur

Jetzt wollen wir mal versuchen, eine große Nuss zu knacken. Wenn schon im Titel das Adjektiv „perfekt“ gebraucht wird, dann soll das nicht als überheblich, sondern als rein sachlich mit einer leicht provokanten Note aufgefasst werden. Stellen wir es einfach mal so in den Raum. Gibt es in der Innenarchitektur Perfektion? Grundsätzlich strebt jeder Kreativschaffende nach Perfektion in seinem Tun. Und das zu Recht. Niemand will absichtlich mangelhafte Arbeit leisten. Zumindest gehen wir mal davon aus. Der „normale“ Kreative will perfekte Konzepte erarbeiten. So bezeichnet ja Perfektion etwas, an dem nicht das Geringste auszusetzen ist. Dabei muss man die Perfektion jedoch auf die menschlichen Möglichkeiten herunterbrechen. Sowohl in der Architektur und der Innenarchitektur als auch im Produktdesign ist die Perfektion eine andere als die „wirkliche“ Perfektion in der Natur, dem Geschaffenen, das uns umgibt. Denselben Maßstab für Perfekt an das menschliche Tun anzuwenden, wäre unrealistisch und unmenschlich. Aber bleiben wir bei der „menschlichen“ Perfektion in der Innenarchitektur. Wer entscheidet ob der Innenraum perfekt ist? Ist es der Innenarchitekt, der Kunde oder jemand anders? Stellen Sie sich eine fertig gebaute Küche vor. Sie sehen vielleicht in Ihren Gedanken Ihre Traumküche vor sich. Gehen wir mal davon aus, dass es das Maximum ist, das dem Innenarchitekten eingefallen ist. Und der Kunde ist begeistert! Die Handwerker haben super Arbeit geleistet und alles ist im Preisrahmen. Ist die Küche perfekt? Nach kurzer Einarbeitungszeit bemängelt der vorrangig „praktisch kochende“ Teil der Kundschaft (es muss ja nicht immer die Frau sein), dass die Spüle größer sein könnte und der Geschirrspüler doch besser erhöht hätte eingebaut werden sollen. Und schon ist die Perfektion im Eimer. Oder nehmen wir beispielsweise eine Gaststätte. Der Innenarchitekt ist überzeugt, dass es ein geniales Konzept ist. Der Gastronom stimmt den Ideen zu und in mängelfreier Handwerkskunst wird umgebaut. Nach geraumer Zeit fällt auf, dass in einem Teil der Gaststätte selten Besucher länger verweilen und entsprechend umsatzstark konsumieren. Und wieder ist die angedachte Perfektion im Eimer. Die beiden Beispiele sollen aufzeigen, wer einen Raum als perfekt bezeichnet oder nicht. Es ist und bleibt der Nutzer. Derjenige, der in dem Raum arbeitet, wohnt, entspannt oder einkauft. Im Privaten Bereich sind meist Nutzer und Kunde dieselben. Aber im Bereich Shop Design, Gastronomie, Objektbereich und im öffentlichen Raum ist der Nutzer jemand anders, als der, der plant und der, der zahlt. Hier muss noch mehr Empathie im Spiel sein. Empathie wird als die Bereitschaft und Fähigkeit definiert, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Der Innenarchitekt muss sich in die Nutzer hineinversetzen und die Erfahrungen dem investierenden Unternehmer klar kommunizieren. Gemeinsam sind sie gefordert, ihr Tun dem Nutzer anzupassen und ihre eigene Position in der Sache richtig einzuordnen. In diesen Bereichen zu planen ist besonders spannend. Meist hat man hier nämlich in einem Raum mehrere Nutzergruppen. Denken wir nur an die Hotel-Lobby. Wir sehen darin Hotelgäste, die an- und abreisen, Personal das täglich darin arbeitet und natürlich auch das Hotel selbst, das die Lobby nutzt, um das Selbstbild (Corporate Identity) nach außen zu kommunizieren. An je mehr Nutzergruppen man in der Planung denken muss, umso komplexer wird die Sache und umso notwendiger ist es, einen Experten miteinzubeziehen. Abschließend denken wir an ein Modegeschäft das eine kleine Bartheke hat. An der Theke stehen Hocker und obenauf liegen verschiedene Zeitungen. An wen wurde hier wohl gedacht? Vielleicht an Männer, die bei einem kleinen Bier warten bis Ihre Herzallerliebste mit dem shoppen fertig ist um das ausgesuchte Stück an der Kassa als Ihr Geschenk an sie zu kaufen?